Office for Living Architecture

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Lebendige Architektur

Baubotanik beschreibt eine Bauweise, bei der Bauwerke durch das Zusammenwirken technischen Fügens und pflanzlichen Wachsens entstehen. Dazu werden lebende und nicht-lebende Konstruktionselemente so miteinander verbunden, dass sie zu einer pflanzlich-technischen Verbundstruktur verwachsen: Einzelne Pflanzen verschmelzen zu einem neuen, größeren Gesamtorganismus und technische Elemente wachsen in die pflanzliche Struktur ein. Mit dieser Definition wird das Thema der lebenden Architekut mit Bäumen erstmals 2007 am Institut Grundlagen moderner Architektur (IGMA) der Universität Stuttgart begrifflich klar gefasst und gleichzeitig ein weites interdisziplinäres Feld eröffnet. 

Anders als technisch konstruierte Bauten stehen baubotanische Bauwerke in einem aktiven Austausch mit ihrer Umwelt. Sie können sich selbst erhalten und reparieren und verändern das Mikroklima ihrer unmittelbaren Umwelt. Sie benötigen aber auch ein Umfeld, das die notwendigen Ressourcen für ein gesundes Wachstum bereitstellt. 
Daher gilt es in der Baubotanik, die Interaktion zwischen Bauwerken und der Umwelt strategisch so weiterzuentwickeln, dass ein komplexes und abgestuftes System entsteht, das durch  heterogene Räume und Umweltbedingungen vielfältige Angebote für Bewohner und für ökologische Prozesse bietet.

Bäume und deren Wachstumsprozesse zu nutzen, um lebende Bauwerke entstehen zu lassen, ist ein Ansatz, der in der Geschichte in vielfältiger Form immer wieder aufscheint und über eine eigene Tradition visionärer Entwürfe verfügt. Als wichtige historische Referenzen der Baubotanik können die lebenden Brücken der Khasi und die Tanzlinden genannt. Während die lebenden Brücken eine archaische Möglichkeit aufzeigen, mit lebenden Bäumen Konstruktionen beeindruckender Größe und Tragfähigkeit zu schaffen, stehen Tanzlinden  für einen architektonisch-gärtnerischen Ansatz, Pflanzenräume mit besonderer Aufenthaltsqualität zu schaffen. Einige dieser lebenden Architekturen haben Jahrhunderte überdauert – es sind geradezu epische Projekte, die über Generationen wachsen und gepflegt werden müssen und daher nicht so recht in unsere schnelllebige Zeit passen wollen. Und doch sind sie gerade deshalb ein Beispiel für eine ökologisch und sozial nachhaltige Architektur.

Wenn lebende Bäume zum Gegenstand des Entwerfens und Konstruierens werden, müssen die Grundmuster und Bedingungen pflanzlichen Wachstums verstanden und als essentielle Entwurfsparameter anerkannt werden. Nur so ist es überhaupt möglich, dass sich lebende Bauwerke im Sinne des Entwerfers vital entwickeln. Sollen die ästhetischen, ökologischen und konstruktiven Potentiale von Bäumen in vollem Umfang in der Architektur produktiv werden, bedarf es jedoch noch eines zweiten Schrittes: Die vielfältigen Phänomene der Anpassung und Optimierung, die Pflanzen in der Interaktion mit ihrer Umwelt zeigen, müssen als Chancen für das Entwerfen und Konstruieren erkannt und genutzt werden. Im Forschungsgebiet Baubotanik der TU München werden unter der Leitung von Prof. Dr. Ferdinand Ludwig wichtige baubotanische Techniken wie z.B. Verwachsungstechniken und Entwurfsgrundlagen erarbeitet.

Ein wichtiges Element baubotanischer Konstruktionen bildet das Prinzip der Pflanzenaddition. Bei dieser Technik werden junge, in speziellen Behältern wurzelnde Pflanzen derart im Raum angeordnet und so miteinander verbunden, dass sie zu einer pflanzlichen Fachwerkstruktur verwachsen.  Die Pflanzen werden anfangs einzeln mit Wasser und Nährstoffen versorgt und mittels temporärer Hilfsgerüste in Form gehalten. Im Verlauf der weiteren Entwicklung entsteht durch sekundäres Dickenwachstum eine selbsttragende und belastbare Struktur, sodass die Hilfsgerüste obsolet werden. Vor allem aber wird erreicht, dass der Transport von Wasser, Nährstoffen und Assimilaten von der untersten Wurzel bis zum obersten Blatt erfolgen kann und die untersten, in den Erdboden gesetzten Pflanzen, ein sehr leistungsfähiges Wurzelsystem entwickeln. Die im Gerüstraum angeordneten Wurzeln werden dadurch überflüssig und können entfernt werden. Auf diese Art können in kürzester Zeit baubotanische Räume in der Dimension ausgewachsener Bäume gebildet werden, die langfristig die Robustheit eines natürlich gewachsenes Baumes erreichen.

Auch wenn durch neue Techniken wie die Pflanzenaddition in kurzer Zeit große Grünräume geschaffen werden können, ist das Entwerfen baubotanischer Projekte doch immer maßgeblich dadurch geprägt, dass nicht fertige Gebäude geplant, sondern Entwicklungsprozesse  entworfen werden müssen. Es gilt, gewünschte Zustände zu konzipieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt eintreten und für einen gewissen Zeitraum Bestand haben sollen. Die nur bedingte Planbarkeit der Wachstumsbedingungen ist dabei ebenso zu bedenken wie die Tatsache, dass baubotanische Bauten – wie alles Lebende – wachsen und eben auch sterben können. Hieraus erwächst aber auch die Chance, die Entwicklungsprozesse lebender Systeme in Bezug zu urbanen und gesellschaftlichen Veränderungen zu setzen.

Durch die Baubotanik entstehen neue Bautypologien, die das Verhältnis von Natur und Technik, von Innen und Außen, von Stadt und Landschaft neu definieren: Im Mittelalter trennte die Stadtmauer die „wilde Natur“ des Waldes von dem menschengemachten Ort Stadt, die großteils frei von Bäumen war. Im 18. und insbesondere 19. Jahrhundert kam es dann mit den Stadterweiterungen und der Schaffung von Parks und Boulevards in der Stadt zu einer ersten räumlichen Durchmischung auf der Ebene der Stadtplanung. Die Baubotanik setzt diese auf der Ebene des Bauwerks fort und es kommt nun zu einer Verschmelzung von Baum und Bauwerk.